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Interviews 12.01.2008
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„Ich bin ein Licht- und Freiheitsmensch“
Marie-Luise Marjan liebt das Helle und die Sonne – Wie ein „Muttertier“ um die Lindenstraße gekämpft

Von Lea Wolz Köln.
Vom Waisenkind zur gefragten Theater- und TV-Schauspielerin bis hin zur „Mutter der Nation“ – Marie-Luise Marjans Karriere verlief wie im Bilderbuch. Trotzdem steht die 67-Jährige mit beiden Beinen auf dem Boden. Nach dem Interview fährt sie noch schnell Rindenmulch holen, für den Garten. Treue Fans ruft sie zurück, wenn diese sie nach ihrer Lieblingsblume fragen. Mit uns sprach die Schauspielerin über ihre Pläne, ihre Rolle als Helga Beimer und ihren Lebensweg:

Auf Bühnen fühlt sie sich wohl: Marie-Luise Marjan

Frau Marjan, Sie sind am 9. August geboren, Sternzeichen Löwe. Löwen spielen angeblich gerne, Bühnen sind ihr Element, sie lieben es, im Mittelpunkt zu stehen, sind warmherzig. Löwen gelten aber auch als stolz, starrköpfig... Sind Sie ein typischer Löwe?
Diese Eigenschaften würde ich mir fast alle zuschreiben. Vor allem braucht der Löwe immer ein bisschen Raum. Wenn es zu eng wird, hat er das nicht so gerne. Löwen sind Sonnenmenschen, ich liebe das Licht und die Sonne und mag nichts, was dunkel und düster ist – da fühle ich mich einfach nicht wohl. Ich bin ein Lichtmensch, ein Sonnenmensch und eben auch ein Freiheitsmensch. Ich muss mich frei fühlen, das ist für mich ganz wichtig.

Ihr schauspielerisches Talent wurde schon in der Schulzeit entdeckt, vor allem von Ihrem Musiklehrer Otto Daube. War das die Initialzündung für Ihre Karriere?
Ja, das fing mit dem kleinen Liedlein „Wo mag denn nur mein Christian sein“ an. Andere Mädchen haben sich hingestellt und gesungen, ich habe gleich gespielt. Da merkte man, dass ein starker Spieltrieb da ist, und der wurde von Otto Daube erkannt und gefördert. Später hat mir Ernst August Schepmann, empfohlen, auf die Schauspielschule zu gehen, nach Hamburg, zu Professor Eduard Marks.

Ihr Vater hat sich allerdings gegen diesen Berufswunsch gestemmt. Wie war das für Sie?
Das war sehr schwierig, zumal es meine Adoptiveltern waren. Das erfuhr ich mit 16 Jahren. Aber ich habe mich gegen Vater insofern behauptet, dass ich gesagt habe, du kannst mir das nicht verbieten. Aber ich war ja noch nicht volljährig und musste erst einmal einen Beruf erlernen. Denn Schauspielerei war für Vater brotlose Kunst. Daher habe ich zunächst Arzthelferin gelernt.

Sie haben sich mit 18 Jahren in Hamburg an der Schauspielschule vorgestellt und wurden genommen. Wie war es für Sie, als Sie zum ersten Mal in der neuen Heimat angekommen sind?
Immer wenn ich über die Elbbrücken fahre – auch heute noch –, ist das für mich ein Tor zur Freiheit. Dieses Grundgefühl habe ich immer noch. Damals habe ich mich, als ich mit dem Zug die Elbbrücken überquerte, aus dem Fenster gelehnt und gedacht, das ist jetzt die große weite Welt. Gleichzeitig machte es auch ein bisschen Angst. Denn ich war mittellos, hatte nur meinen Koffer, einen Jugendherbergsausweis und ein paar Mark, die mir Rechtsanwalt Krampe gegeben hatte.

Sie haben sich durchgesetzt, eine vielseitige Theaterkarriere gestartet, mit vielen Intendanten gearbeitet. War das eine notwendige Basis fürs Fernsehen?
Es sind zwei Berufe. Theater spielen ist einer und Fernsehen machen ist ein anderer. Ich glaube, man sollte sich hüten vor der Vorstellung, gleich zum Fernsehen zu gehen. Wenn man den Beruf ernst nimmt und wirklich Schauspielerin werden will, dann muss man eine solide Ausbildung haben und erst einmal sprechen lernen. Die jungen Schauspieler können heute alle nicht mehr sprechen. Die nuscheln sich da was zurecht, und das wird dann als die große Kunst verkauft, als dieses Understatement. Die Stimmbildung fehlt heute gänzlich. Früher hat man noch fechten gelernt, eine körperliche Ausbildung absolviert, trainiert. Die jungen Leute heute wollen gleich zum Fernsehen, wollen nur schön aussehen und auf der Stelle berühmt sein. Das ist nicht der Weg. Das predige ich auch vielen jungen Leuten, die Schauspieler werden möchten.

Wie reagieren Sie auf solche Anfragen? Ich frage zurück: Hast Du schon einmal den Faust gelesen? Shakespeare? „Wildente“ von Ibsen? Nach zwei, drei Briefen versandet der Kontakt dann meistens, weil sie sich alle nur vorstellen, auf einem großen Plakat zu prangen und „berühmt“ zu sein. Aber in der Öffentlichkeit zu sein bedeutet nicht berühmt zu sein. Früher ging es um die Leistung, heute geht es nur um das schöne Aussehen und die Öffentlichkeit. Für den Beruf ist das zu wenig. Wenn man eine ordentliche Ausbildung genossen hat, dann steht man auch mit beiden Beinen auf dem Boden.

Was stört Sie am Fernsehen heute besonders? Was mich nervt ist der Fernsehton. Ich erkenne den Menschen nicht dahinter. Alle haben so einen gleichen, gefälligen Ton. Ich möchte aber wissen: Wie ist der Mensch? Was bringt er für Lebenserfahrung ein, wenn er lacht, wenn er weint? Ich möchte einen persönlichen Ton, und den hört man nur bei erstklassigen Schauspielern.

Sie waren ein Waisenkind, wussten jedoch lange nicht, dass Ihre Eltern Adoptiveltern sind. Wann haben Sie davon erfahren?
Ich habe es über eine Schulkameradin erfahren, die in die Klasse kam und sagte: Bähh, du hast ja gar keine richtigen Eltern. Zu der Zeit, 1956/1957, in einem kleinen Ort wie Hattingen an der Ruhr sprach man nicht über solche Themen. Was dann einsetzte, war diese ungeheure Neugierde: Wenn ihr nicht meine Eltern seid, wer dann? Das ist das Erste, was mir damals durch den Kopf ging und was einen auch nie loslässt.

Wie lief das erste Treffen mit Ihrer leiblichen Mutter ab?
Ich war voller Erwartung und dann abgrundtief enttäuscht. Meine Adoptivmutter war eine Mutter mit grauen Haaren, Knoten und Schürze, warmherzig, sehr besorgt und aufmerksam. Plötzlich stand da eine jugendliche Person mit einem Ringelpulli und Cordhose vor mir. Ringelpulli, das war 1957 das Modernste vom Modernen! Und kurz geschnittene blond gefärbte Haare und große blaue Augen und eine ganz knackige Figur. Da dachte ich: Das soll eine Mutter sein? Im Grunde war es Verwirrung pur.

In Ihrem Buch haben Sie geschrieben: „Freundinnen wurden wir nicht“...
Es ist so, dass wir den Kontakt gesucht haben, beide. Dreimal haben wir jeweils 14 Tage miteinander verbracht. Wir bekamen keinen Bezug zueinander. Wahrscheinlich, weil unser beider Erwartungen so hoch waren. Das nehme ich jetzt aus der Distanz an. Ich hatte die Erwartung: Da ist eine Mutter, wie es meine Adoptivmutter war. Dieses Bild wollte ich projizieren. Meine leibliche Mutter war jedoch ein anderer Mensch. Heute erkenne ich die Mechanismen, warum es einfach nicht hat funktionieren können, aber damals habe ich es nicht erkannt. Im Mai 2004 ist meine leibliche Mutter in Kanada gestorben. Meinen leiblichen Vater habe ich nie kennengelernt. Ich spüre dieser Sache immer noch nach. Ich möchte einfach wissen, wo meine Wurzeln sind.

Sie gelten als starke, gefestigte Persönlichkeit, die auch sehr viel innere Ruhe hat. Woher kommt diese Ruhe?
Ich denke, der Beruf hat mir sehr viel Kraft gegeben. Der Beruf mit seinen unglaublichen Facetten, den Hunderten von Leben, die man leben kann. Mein Beruf war und ist mein Halt. Der Beruf stand für mich immer an erster Stelle, weil ich in dem Beruf eine Sicherheit habe. Im privaten Leben hatte ich das nie, schon durch diese erste Unsicherheit als junger Mensch, nicht zu wissen, wer meine Eltern sind. Die zweite Unsicherheit – ich war nie verheiratet – ein Mann, der mich verlässt. In meinem Umfeld am Theater sah ich unentwegt Künstlerehen, die auseinandergingen, und davor fürchtete ich mich und dachte, nein, das möchtest du nicht. Aber der Beruf hat mir immer Geborgenheit gegeben, immer Belohnung, immer Liebe.

Gab es trotz des Erfolges Momente der Einsamkeit?
Einsam habe ich mich nie gefühlt. Ich glaube nicht, dass ich der Mensch bin, der einsam ist. Im Gegenteil, ich suche die Ruhe, weil mir der Trubel oft zu viel ist. Aber einsam, nein. ich brauche die Rückzüge, ich brauche immer wieder dieses Für-mich-Sein. Wenn einer sich hängen lässt, dann sage ich immer: „Dat Leben ist zu kurz, um sich hängen zu lassen. Such dir eine Aufgabe, mach was aus dir.“

Ganz alleine sind Sie aber nicht. Ihr Lebensgefährte ist Bodo Bressler...
Er ist eher der ruhige Typ.

Gegensätze ziehen sich an?
Ob wir uns anziehen, weiß ich nicht. Jedenfalls laufen wir nun schon seit 24 Jahren miteinander rum (lacht).

Sie haben ihn, kurz bevor Sie zur Lindenstraße gingen, im Hamburger Thalia Theater kennengelernt. War es Liebe auf den ersten Blick?
Mehr auf den zweiten. Er ist Beleuchter im Theater, und ich hatte Hilfe zu Hause gebraucht. Das Theater hatte ihn mir vorbeigeschickt, und so haben wir uns kennengelernt.

Sie leben im Prinzip das Gegenteil der Helga Beimer. Sie sind nicht verheiratet, haben auch keine Kinder. Hätten Sie sich Kinder gewünscht? So Anfang 30 hatte ich den Wunsch, zu heiraten und eine Familie zu gründen. Aber ganz im tiefsten Inneren wollte ich es wohl doch nicht. Die Angst vorm Zu-eng-Sein, die habe ich immer gehabt, und Bedenken, dass ich das Theaterspielen für eine Ehe aufgeben müsste.

Sind Ihre Fernsehkinder auch ein wenig zu Ihren eigenen geworden?
Unterbewusst ja. Moritz und ich haben ein sehr enges Verhältnis, diese Selbstverständlichkeit. Da ist nie etwas Fremdelndes. Das ist so gewachsen, in all den Jahren, in denen wir miteinander Lindenstraße gespielt haben. Ich möchte an seinem Leben teilnehmen. Von seinen ersten Lieben hat er mir erzählt. Und ich necke ihn: Wenn du heiratest, werde ich doch hoffentlich eingeladen.

Kommen wir auf die Mutterrolle zu sprechen, die Ihnen schon früh und immer wieder angeboten wurde. Können Sie sich erklären, warum?
Es hat natürlich mit dem deutschen Bild der Mutter zu tun, mit der Physiognomie der Person. Deutsche Mütter, so hat man das Bild, sind immer rundlich und haben etwas Warmes, etwas Gütiges. In Italien steht eine Mama auch für etwas Rundes. Mit meiner Figur würde ich in Italien vielleicht noch als La Donna durchgehen. Aber in Deutschland müssen die Liebhaberinnen möglichst flachbrüstig und dünn sein und ganz lange Beine haben. Das ist ein Bild, das irgendwo entstanden ist und einfach die Szene beherrscht.

Wären Sie gerne auch einmal im Film die Liebhaberin gewesen?
Das Schöne ist, dass Mutter Beimer auch Liebhaberin sein darf. Sie ist ja nicht nur auf die Mutter festgelegt. Sie ist vielschichtig, so wie die Rolle mittlerweile geschrieben ist. Helga Beimer hat sich verändert, besitzt ein Reisebüro, ist eine selbstständige Frau wie ich. Die Rolle hat sich meiner Biografie mehr angenähert.

Die Figuren der Lindenstraße haben eine Vorbild-Funktion. Kam es vor, dass Zuschauer Helga Beimer um Erziehungsratschläge gebeten haben? Ja, in der Zeit, in der Klausi gestohlen hatte, kamen Briefe von alleinerziehenden Vätern, die schrieben, meine Tochter, mein Sohn ist in einer ähnlichen Situation – was würden Sie mir raten? Zurzeit habe ich nicht mehr so das starke Thema – jetzt läuft die Mutter Beimer mit. Man kann auch nicht 22 Jahre am Stück Highlights haben, das ist ja normal bei so einer Langzeit-Serie. Bei 53 Darstellern, die sich alle einen starken Erzählstrang wünschen.

Wie sind Sie überhaupt zur Lindenstraße gekommen?
Viele Fernsehfilme und -serien hatte ich bereits gedreht. Die Intimität des Spiels beim Fernsehen hat mich gereizt. Auf der Bühne erarbeitet man sich eine Rolle und kann sich selbst hinter der Rolle verstecken. Aber die Arbeit vor der Kamera ist fein und differenziert. Als ich dann hörte, dass in Deutschland eine große TV-Serie gemacht wird, habe ich natürlich die Ohren gespitzt, ob da eine Rolle für mich drin ist.

Wie lief es dann weiter?
Dann bekam ich einen Anruf vom ZBF (Zentrale Bühnen-, Fernseh- und Filmvermittlung, Anm. der Redaktion), ob ich bereit wäre, von Hamburg nach Köln zu ziehen. Ich sagte, ein Schauspieler muss bereit sein, dahin zu ziehen, wo die Arbeit ist. Nach einem halben Jahr kam wieder ein Anruf mit der Frage, was machen Sie morgen? Ich sagte, dass ich die Frida Braun in Lili Braun drehe. Pause. Und übermorgen? Ja, da habe ich frei. Dann kommen Sie bitte sofort nach München, Herr Geißendörfer möchte Sie sehen. In München stand dann Ilse Hofmann in der Tür, mit der ich schon einige andere TV-Filme gedreht hatte, und erzählte mir, dass sie bei der Lindenstraße mit dabei sei. Da wusste ich, woher der Wind wehte. Man hatte mich vorgeschlagen, mehrfach. Sogar meine alte Wirtin in Hamburg, Frau Hodermann vom Hotel „Nonnenstieg“ hat dem Castingteam aus München den Tipp gegeben. Das Team hatte ihr Frühstückszimmer den ganzen Morgen besetzt. Am Nachmittag brauchte sie ihr Zimmer und fragte daher resolut: Sagen Sie mal, was suchen Sie eigentlich? Als sie erfuhr, dass es um eine Mutterrolle geht, meinte sie resolut: Na, die haben wir doch, da braucht Ihr nicht mehr zu suchen.

Wie war Ihr erstes Treffen mit Hans W. Geißendörfer, dem Erfinder, Produzenten und zeitweise auch Regisseur der Serie?
Als ich mich in München vorstellte, stand Hans Geißendörfer in der Tür und bot mir einen Platz an. Ich hatte einen weißen Hosenanzug an. Er sagte, anbieten kann ich Ihnen nichts, nur einen Kaffee. Also haben wir dann einen Kaffee in der Küche gekocht. Er ging in ein Nebenzimmer und kam mit 20 Büchern auf dem Arm wieder, legte mir die auf den Schoß und sagte: Alle sagen, sie sind Mutter Beimer, jetzt spielen Sie in Gottes Namen diese Rolle. Dann saß ich da mit meinen Büchern auf dem Schoß und sagte: „Die muss ich aber erst einmal lesen.“

Die Rolle war eigentlich auf Bayerisch geschrieben und als Bayerin angelegt...
Richtig, ich habe aber gesagt, das kann ich nicht. Ich kann für ein Fernsehspiel Bayerisch lernen. Ich bin aber keine Bayerin. Ich bin ein Mädchen aus dem Ruhrgebiet, und wenn es Euch gefällt, dass ich der Figur einen leichten Anklang an das Ruhrgebiet gebe, dann kann ich das spielen. Darauf sagte Hans Geißendörfer: Machen Sie mit der Rolle, was Sie wollen, nur spielen Sie sie!

Haben Sie zu Beginn gedacht, dass Sie diese Rolle über 20 Jahre spielen würden?
Ich hab nur eins gedacht: Ein ganzes Jahr nur eine Rolle, wie schaffst du das? Im Theater spielt man in der Spielzeit zehn bis zwölf Rollen, in Bochum später weniger, aber auch noch sechs bis acht. Ein Fernsehspiel hat damals circa sechs Wochen gedauert. Man war es also gewohnt, nach sechs Wochen etwas abzuschließen, dann sein eigenes Leben zu leben und sich irgendwann wieder eine neue Rolle zu erarbeiten. Jetzt ist das quasi permanent, man lebt zwei Leben. Das Leben der Mutter Beimer und sein eigenes.

Welches dominiert?
Das Leben mit der Lindenstraße war dominierender. In den letzten Jahren hat es sich gewandelt. Aber es war eine Zeit lang so intensiv, dass das persönliche Leben zu kurz kam.

Sind Sie dennoch zufrieden und glücklich, dass Sie diese Rolle angenommen haben?
Ja, sonst hätte ich es nicht gemacht. Ich bin sozusagen die Urmutter der Lindenstraße. Am Anfang blieb jede Pressearbeit an mir hängen. Manchmal hatte ich in einem Jahr mehr Pressetermine als Drehtage. Ich habe so gekämpft für die Lindenstraße, dass sie anerkannt wurde, dass die Themen bekannt wurden, dass die Schauspieler bekannt wurden...

Warum?
Ich habe, gleichsam wie ein Muttertier, um die Aufgabe gekämpft. Wenn ich eine Aufgabe bekomme, dann kämpfe ich darum, diese Aufgabe gut zu machen. Das ist meine schauspielerische Erziehung, eine Aufgabe ernst zu nehmen und sie dann auch wirklich mit Haut und Haaren umzusetzen. Meine Aufgabe damals war zu zeigen, dass die Lindenstraße ein gutes Produkt ist und dass dieses Produkt durchaus seine Berechtigung hat im deutschen Fernsehen.

Zu Beginn hagelte es auch vernichtende Kritik...
Oh ja, ich erinnere mich ganz besonders noch an eine Kritik, in der geschimpft wurde, sauertöpfisch, Treppenhausstil, Blindenstraße – ganz wilde Sachen...

Kamen Ihnen da die Tränen?
Nein, überhaupt nicht. Wenn Hans W. Geißendörfer sagt, dass er sein Ensemble trösten musste, weil es weinend in der Maske saß – dann trifft das für mich persönlich nicht zu. Ich habe nicht geweint, im Gegenteil. Nützt ja nichts. Lieber versuche ich, meine Überzeugungskraft einzusetzen. Ein Schauspielkritiker aus meiner Bochumer Zeit rief mich zum Beispiel an und sagte: „Frau Marjan, wie können Sie sich für so etwas hergeben?“ Worauf ich sagte: „Nun seien Sie mal stille, Sie haben ja erst zehn Folgen gesehen. Das ist konzipiert auf 52 Folgen. Jetzt gucken Sie sich das erst einmal an! Sie können doch nicht gleich nach zehn Folgen ein Urteil fällen.“

Ist es heute auch noch nötig zu überzeugen?
Ja, aber jetzt geht es eher um Themen, die man gegen Widerstände voranbringen muss. Wenn ich manchmal von Zuschauern höre, in der Lindenstraße seien zu viele Ausländer oder das Schwulenthema sei zu stark, wir bräuchten wieder die bürgerliche Familie, dann versuche ich natürlich, diese Themen zu verteidigen, gebe den Leuten aber auch recht. Denn wir können nicht nur mit den Randgruppen groß werden und bleiben. Wir müssen auch wissen, für welches Publikum wir was machen. Ich glaube, diese bürgerlichen Themen dürfen wir nicht aus den Augen verlieren Die Lindenstraße ist und bleibt ein Spiegel der Gesellschaft.

Haben Sie das Buch „Das Eva-Prinzip“ gelesen?
Nein.

Wissen Sie, worum es geht?
Ich glaube, Frau Herman sagt, dass die Frauen wieder an den Herd zurück sollen.

Wie finden Sie das?
Davon halte ich überhaupt nichts. Jahrelang hat man um die Emanzipation gekämpft, und nun haben wir die Emanzipation und sollen sie zurückdrehen? Das ist ja albern. Nein, ich würde das anders ausdrücken: Nach den Fähigkeiten der einzelnen Menschen sollte man das Leben einrichten. Wenn ein Mann der Häusliche ist und die Frau lieber im Beruf steht, dann sollen sie das so gestalten. Aber man kann das doch nicht geschlechtsspezifisch diktieren. Das würde ja bedeuten, ein Rad ins Mittelalter zurückzudrehen.

In letzter Zeit hört man immer häufiger von Fällen der Kindesverwahrlosung. Was denkt die „Mutter der Nation“ darüber?
Ich muss gestehen, ich war erschrocken, dass es so eine vielzählige Kindesverwahrlosung in Deutschland gibt. Mir war das nicht bewusst. Zu Weihnachten war unter anderem auch ein Kinderarzt aus Leipzig bei uns zu Gast, und er erzählte mir, dass in seiner Praxis auch über Weihnachten sehr viele verwahrloste, geschundene Kinder kamen, die in die Klinik eingewiesen werden mussten. Das ist erschreckend. Jeder ist aufgefordert, in seinem nächsten Umfeld hinzusehen.

Können Sie sich erklären, woran es liegt?
Ich glaube, dass die Eltern überfordert sind. Es hat natürlich auch etwas mit Bildung zu tun. Die Bildung ist der Schlüssel überhaupt. Die Bildung ist das A und O, überhaupt der Angelpunkt im ganzen Leben. Das muss kein Studium sein, aber die Grundausbildung muss da sein.

Nun wurde gerade in letzter Zeit durch Untersuchungen klar, wie sehr Bildung vom Elternhaus abhängig ist...
Ja, das ist der Teufelskreis. Wenn die Eltern keine Bildung haben, woher sollen sie die Kinder dann bekommen? Aber jeder kann sich bilden, zum Beispiel auf dem Zweiten Bildungsweg, in Abendschulen.

Wo sollte man ansetzen? Muss der Staat mehr tun?
Ich weiß nicht, ob das alles vom Staat kommen muss. Da muss auch Eigeninitiative entwickelt werden.

Mögen Sie eigentlich den Titel „Mutter der Nation“, den Sie Inge Meysel mittlerweile streitig machen?
Wenn er mit einem Augenzwinkern gemeint ist.

Die Verträge der Lindenstraße sind gerade bis 2011 verlängert worden, wie lange bleiben Sie den Zuschauern als Mutter Beimer erhalten?
Solange es geht. Was ich mir wünschen würde, ist ein wenig mehr Freizeit zu haben für andere Projekte.

Sie sind ja auch bereits hin und wieder aus dem Lindenstraßen-Alltag ausgebrochen, haben Filme gedreht, Bücher geschrieben und sind als Herausgeberin tätig. Brauchen Sie diese Lindenstraßen-Auszeiten?
Ja, ich muss einfach ab und zu noch ein anderes Projekt machen. Nicht ständig, aber alle zwei Jahre wünsche ich mir ein schönes Fernsehspiel. Diese 22 Jahre Lindenstraße sind mir vorgekommen wie keine zehn Jahre. Mit 45 Jahren habe ich angefangen, jetzt bin ich 67. Diese 22 Jahre sind so schnell vergangen, und wenn ich denke, dass das jetzt wieder so schnell vergeht, und auf einmal wache ich auf und bin 89 Jahre alt, dann kann ich mir das nicht vorstellen. Da denke ich, jetzt musst du aber noch etwas anderes tun, noch andere Dinge erleben. Ich bin kein Mensch, der sagt, ich habe schon alles hinter mir. Im Gegenteil, ich habe immer das Gefühl, ich muss noch ganz viel erleben. Und das ist ein Motor, der einen neugierig macht und immer weitertreibt.
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vom 29.07.2010

Piorkowski Franziska
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Foppe Bernhard
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Rieken Bernhard
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Laufenberg Hans
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Borgelt Mathilde
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Metzner Walter
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Giesken Maria
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Rohlfes Frieda
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Hummel Jacob
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Lohrie Dirk
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Maier Walter
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Fehrmann Grete
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Volleyball-Highlights von Schledehausen bis Aschen-Strang
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Liesenfeld 13. Neuzugang in Lotte
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Kreispokal: BW Schinkel kontra OSC

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