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Aufgetaucht
Von Tobias Böckermann
Meppen.
„Der Zufall begünstigt nur einen vorbereiteten Geist“ – diese Erkenntnis hat sich in diesem Frühjahr an der Hase bei Meppen bewahrheitet. Biologen haben eine äußerst seltene Muschelart gefunden, die man für längst verschwunden hielt. Dabei kam Walter Wimmer und Karl-Heinz Teichler vom Naturschutzbund Niedersachsen sowie Jutta Over vom NABU Emsland eine ganze Reihe glücklicher Umstände zu Hilfe. Aber der Reihe nach.
| Seltenes Strandgut: Die Schale von Pseudanodonta complanata klettii, der nördlichen Unterform der Abgeplatteten Teichmuschel. Insgesamt gibt es drei regionale Formen Deutschland – alle sind extrem bedroht. Fotos: Tobias Böckermann |
Wimmer und Teichler verfolgen eine Mission. Sie wollen den Menschen in Niedersachsen vor allem Schnecken, aber auch die nahe verwandten Muscheln näherbringen und so dabei helfen, sie besser zu schützen. „Bei den Fledermäusen hat das wunderbar funktioniert“, sagt Wimmer. „Vor ein, zwei Jahrzehnten haben sich die Menschen vor ihnen geekelt. Aber heute werden Beobachtungsabende zum Massenereignis.“ Und weil Wimmer und Teichler auch im Emsland den „Imagewechsel einer verkannten Tiergruppe“ schaffen wollen, haben sie Anfang des Jahres Kontakt mit Jutta Over aufgenommen, die die Regionalgeschäftsstelle des NABU leitet.
Gemeinsam stehen die drei Biologen deshalb an einem Tag im Februar am Ufer der Hase bei Bokeloh. Ein sandiger Wanderweg führt hier entlang, in der Nähe befindet sich ein Anleger für Flusswanderer und ihre Boote. Es könnte ein idealer Ort für eine Station des „Snail-Trail“, des Schnecken-Erlebnispfades werden, für den der NABU derzeit mit Unterstützung von BINGO-Lotto und der Niedersächsischen Umweltstiftung im ganzen Land geeignete Orte sucht.
 | | Am Ufer haben Walter Wimmer und Karl-Heinz Teichler Schalen der Abegeplatteten Teichmuschel gefunden. |
Eigentlich sind Wimmer und Teichler also auf der Suche nach Schnecken, aber ein Blick in Richtung Hase ist immer drin. Wie an vielen Flussufern liegen auch hier an geschützten Stellen Muschelschalen herum. Große und kleine, zerbrochene und fast intakte. Der Bisam hat die Weichtiere mit der harten Schale unter Wasser erbeutet und an Land geknackt. Mit dem Fleisch ergänzt der etwa kaninchengroße Nager seinen ansonsten aus Pflanzen bestehenden Speiseplan (Siehe „Umstrittener Neubürger“).
Wimmer schaut sich die leeren Schalen an, erkennt Malermuscheln, Gemeine Teichmuscheln und Aufgeblasene Flussmuscheln schnell und mühelos. Sie hatte er erwartet – wenngleich auch sie zum Teil selten sind. Aber dann ist eine Schale dabei, die ist flacher und schmaler als die anderen; graziler gebaut, viel dünner und zerbrechlicher. Olivgrün ist die Schale außen, die Innenseite schimmert perlmuttfarben, gleichzeitig aber auch in einem dezenten Lachston.Wimmer hat einen Verdacht, nimmt die Schalen mit in sein Büro nach Salzgitter.
 | | Die Grobgerippte Körbchenmuschel macht sich derzeit an heimischen Gewässern breit. Sie stammt aus Asien |
„Ein paar Tage später hat er mich angerufen“, erinnert sich Jutta Over. „Er hat dem Emsland zur Abgeplatteten Teichmuschel gratuliert.“ Denn die, das zeige ein Blick in die Rote Liste der vom Aussterben bedrohten Tierarten, sei extrem selten und bundesweit massiv im Bestand bedroht. Wer ihr Vorkommen als Auszeichung des Lebensraumes Hase bewerten will, liegt wohl nicht ganz falsch.
Dass Wimmer und Teichler die bis zu acht Zentimeter lange Muschel überhaupt entdeckt haben, ist wahrlich einer jener Zufälle, von denen am Anfang die Rede war. Denn die Abgeplattete Teichmuschel lebt gerne an der tiefsten Stelle größerer Flüsse, selten auch in größeren Seen. Sie in bis zu elf Meter Tiefe zu finden ist selbst beigezielter Suche fast unmöglich. Denn Muscheln leben nicht nur im Wasser, sondern vergraben den größten Teil ihres Schalenkörpers auch noch im Untergrund.
Die Sucharbeit übernahm also der Bisam, ein vor Jahrzehnten aus Nordamerika eingeschleppter Neubürger mit Spaß am Tauchen. Er musste genau diese Muscheln erbeuten und am Ufer verspeisen. Dass dann jemals jemand an der Hase Schalen jener höchst seltenen Art finden und erkennen würde, war dann wohl auch nicht absehbar. Wären Wimmer und Teichler nicht hier entlanggeschlendert, hätte man das Vorkommen von „Pseudanodonta complanata“, so der lateinische Name der Muschel, vielleicht nie entdeckt.
 | | Die Hase bei Meppen |
Eva Abée bestätigt das. Sie arbeitet als Biologin für den Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) in Meppen und kennt die Gewässer des Emslandes genau. Auch Muscheln hat sie kartiert, ist aber bisher nie auf die Abgeplattete Teichmuschel gestoßen. In den Archiven des Landes Niedersachsen ist sie dennoch von einer Handvoll Fundorten bekannt. Auch im Oberlauf der Hase nahe Bersenbrück wurde sie entdeckt, dazu im Wendebecken des Ems-Küstenkanals bei Dörpen. Außerdem gelten die Hunte, die Aller bei Gifhorn, die Ilmenau und der Salzgitter-Stichkanal als Restlebensräume. Allerdings: Die Fundangaben sind zum Teil sehr alt. Ob die Bestände noch existieren, ist oftmals unbekannt.
Ohnehin weiß man nicht allzu viel über die platte Muschel. Dr. Jürgen J. Jungbluth gilt deutschlandweit als einer der Fachmänner für Mollusken, also Weichtiere aller Art. Er selbst hat nur einmal, 1968 an der Donau, eine lebende Pseudanodonta complanata gefunden. Dabei sei die Art wohl immer schon selten gewesen, sagt er, wenngleich längst nicht so selten wie heute. „Früher haben sich die Landesfürsten gerne Naturalienkabinette zusammengesammelt“, sagt Jungbluth. „Von allen Tieren, die bekannt waren, wollten sie ein Exemplar zum Vorzeigen. Wer damals eine Abgeplattete Teichmuschel liefern konnte, dem wurden die Schalen in Gold aufgewogen.“ Reich geworden sei man damit dennoch nicht. „Jede Schale wiegt nur etwa 3,5 Gramm.“
 | | Karl-Heinz Teichler (links) und Walter Wimmer beim Schnecken sammeln. |
Jungbluth nennt jeden neuen Fund der Art eine „kleine Sensation.“ Auch deshalb, weil Muscheln gute Indikatoren für den Zustand eines Gewässers sind. Als Lebewesen der Sohle sind sie besonders empfindlich gegen Veränderungen. Im Umkehrschluss bedeutet dies: Wo Großmuscheln leben können, profitieren andere Arten von der Gewässerqualität (siehe Text zur Artenvielfalt).
Warum aber ist die platte Teichmuschel so selten geworden? Dr. Reinhard Altmüller ist beim Land Niedersachsen für die Molluskenkartierung zuständig und hat sich im Dienste der Landesregierung mehr als 30 Jahre mit den Großmuscheln beschäftigt. Er bedauert, dass flächendeckende Bestandserfassungen der wildlebenden Tier- und Pflanzenwelt sehr schwierig seien. „Der öffentlichen Hand fehlt das Geld, die Kartierungen zu bezahlen. Leider gibt es nicht genug ehrenamtliche Fachleute – und mangels Nachwuchsförderung werden es immer weniger. So entstehen Kartierungslücken.“ Zudem seien gerade Großmuscheln extrem variabel in ihrer Schalenform und nur schwer zu bestimmen.
Aus diesem Grund und aufgrund der versteckten Lebensweise seien wohl nicht alle Vorkommen bekannt. Dennoch seien neben der inzwischen weitgehend behobenen einstigen Wasserverschmutzung zwei Aspekte für den Rückgang der Muscheln entscheidend: der Umbau der Gewässer und der Eintrag von Sand.
 | | Die Große Teichmuschel (Anodonta cygnea) wird bis zu 20 Zentimeter lang und lebt unter anderem in der Ems. |
„Früher war die Sohle weitgehend unberührt und bildete eine stabile Einheit“, sagt Altmüller. Heute werde regelmäßig geräumt, und Begradigungen der Flüsse hätten dazu geführt, dass das Wasser schneller fließe und sich regelrecht in den Untergrund eingrabe. Hinzu komme Sandeintrag aus Entwässerungsgräben. „Zusammen ergibt das eine Sedimentfracht, die die Muscheln unter sich begräbt. Sie ersticken regelrecht.“
Dass die Abgeplattete Teichmuschel in der Hase überlebt habe, sei möglicherweise auf das Vorhandensein geschützer Buchten zurückzuführen. Dennoch könne es sein, dass zwei Vorkommen der Art in einem Fluss weitgehend voneinander isoliert seien.
Altmüller fordert seit einer wissenschaftlichen Untersuchung vor allem, den Sandeintrag aus Entwässerungsgräben zu verringern. Einfache Sandfänge, die alle paar Jahre ausgebaggert würden, könnten hier schon ausreichen.
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